Retrodant.blogspot.com - die 70er - 90er Jahre im Rückblick

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Mittwoch, 30. März 2016

C64 All Stars Vol.13 : Von Breakout zu Arkanoid oder Retro in den 80er Jahren.




Pong : Spielhalle, Gottschalk und Telespiele.

Die Frühgeschichte der Computerspiele ist zweifelsohne mit den Titeln Pong und Breakout auf das engste verknüpft.
Pong von dem Hersteller Atari entwickelt eroberte bereits in grauer Vorzeit – wir schreiben das Jahr 1972 - recht erfolgreich die damaligen Spielhallen. Zwei Spieler konnten sich hier gleichzeitig in einer Art von virtuellem Tischtennis messen. Bezüglich der grafischen Darstellung des Automaten galt es damals vor allem Minimalismus zu bestaunen. Der Ball besteht aus einem simplen weißen Punkt, welcher sich auf einem lediglich 13 Zoll großen Monitor recht stupide hin- und her bewegt. Auch die eigentlichen Schläger sind grafisch nur angedeutet : jeder der beiden Spieler steuert einen senkrechten Strich , welcher sich mittels eines Drehknopfes – heute würde man die Steuerung wohl Paddle nennen – nach unten und oben verschieben lässt. Sobald es der Ball geschafft hat, am eigenen Schläger vorbeizukommen, erhält der Gegner einen Punkt.
Trotz oder gerade wegen seines recht einfach gehaltenen Spielprinzipes entwickelte sich der Pong Spielautomat für Atari in den 70er Jahren zu einem beachtlichen finanziellen Erfolg – insgesamt wurden weit über 8000 der Groschengräber verkauft. Hieran hatte zumindest im deutschsprachigen Raum der junge Thomas Gottschalk einen nicht ganz unwichtigen Anteil. Leser der Generation 50+ werden sich eventuell noch an dessen ab 1977 ausgestrahlte Sendung Telespiele erinnern, bei welcher die Zuschauer unter anderem per Lautstärke am Telefon einen Pong Schläger – je lauter das Gekreische, desto höher stieg der Schläger - steuern konnten. Wer derartiges Treiben einmal mit eigenen Augen verfolgen möchte, kann dies unter
https://www.youtube.com/watch?v=hyrUMvTgSgE jederzeit und wahrscheinlich mit einem gewissen Anflug von ungläubigem Staunen tun. Pong war damals in aller Munde und aus der öffentlichen Wahrnehmung kaum mehr wegzudenken. Kaum ein Kaufhaus ohne Pong Automat ; auf den Pausenhöfen unserer RAF geschüttelten Republik war der Atari Automat regelmäßiger und dauerhafter Gast in den Top 10 der knorken Gesprächsthemen.

Breakout : Spielhalle, Wozniak und gesparte Produktionskosten.

Mit Pong eroberten die Videospiele zum ersten Mal den Massenmarkt. Wenig verwunderlich, das Atari diesen Erfolg weiter ausbauen wollte und im Jahr 1976 eine Art Solospieler Pong auf den Spielautomaten Markt warf.
In diesem wohl jedem Videospiel interessierten wohlbekanntem Automaten namens Breakout – kaum ein noch so exotisches Computersystem ohne eigene Variante dieses All Time Klassikers - gilt es, mittels eines am unteren Bildschirmrand befindenden Schlägers den Ball so zu lenken, das dieser im oberen Bildschirm Drittel befindende Mauersteine trifft und hiermit zum Verschwinden bringt. Sind alle Mauersteine abgeräumt, geht es dann in den nächsten Spielabschnitt. Auch Breakout kam damals grafisch und spielerisch in sehr minimalistischen Gewand in die Spielhallen. Schläger, Ball und Mauersteine bestanden lediglich aus einer einfachsten Strichgrafik in schwarz weiß – die Illusion von Farbe wird dem Spieler mittels Overlay Folien lediglich vorgegaukelt . Sound Effekte oder gar musikalische Untermalung suchte man vergeblich. Wer sich ein Bild von der grafischen Präsentation des Freunden überteuerter Äpfel nicht ganz unbekannten Steve Wozniak entwickelten Automaten machen möchte, bitte : https://www.youtube.com/watch?v=hW7Sg5pXAok .
Da der Breakout Automat dank der Entwicklungskunst von Wozniak im Vergleich zu Pong mit einer deutlich geringeren Anzahl von Bauelementen – Chips, Schaltkreise und dergleichen waren damals noch richtig teuer - zu verwirklichen war, gelang es Atari , die Produktionskosten des Endproduktes deutlich zu minimieren. Breakout verkaufte sich trotz seiner spielerischen Bescheidenheit – motivierende Extras fehlten beispielsweise gänzlich - noch einmal besser als Pong; mehr als 15000 Automaten fanden in den 70er Jahren ihren Weg in Kneipen, Spielhallen oder Kaufhäuser.

80er Jahre : Heimcomputer erobern die heimische Lebenswelt.

Spätestens Anfang der 80er Jahre gerieten Pong, Breakout und Konsorten zunehmend in Vergessenheit. Heimcomputer Systeme wie der C64, Sinclair Spectrum oder Schneider CPC kolonisierten zunehmend die Kinder- und Wohnzimmer einer immer globaler agierenden Welt. Trotz deren aus heutiger Sicht putzig anmutenden grafischen Fähigkeiten – im Falle des C64 von Commodore beispielsweise konnten bestenfalls 16 Farben bei 320 x 200 Bildpunkten gleichzeitig dargestellt werden – waren die mit 8 Bit getakteten heimischen Rechenknechte den Spielautomaten der 70er Jahre technisch zumeist meilenweit überlegen. Selbst aus der Sicht von 1982 – Commodores Brotkasten erblickte das Licht der Sau Magen regierten Republik - erschien die grafisch triste und spielerisch eindimensionale Präsentation von Breakout und co als veraltetes Relikt einer abgeschlossenen Epoche.
Wer auf seinem Brotkasten komplexe Rollenspiele wie Ultima oder für damalige Verhältnisse realistische Ballereien wie Raid over Moscow spielen konnte, der musste eine Partie Breakout als unknorke Verschwendung von Lebenszeit betrachten ! Ähnliches galt für die damals noch sehr Arcade lastigen – reine Glücksspiele zumeist nur sehr begrenzt und in einem separat zugänglichen Nebenraum - Spielhallen. Auch hier wurden die Automaten technisch (Out Run etc) und spielerisch immer aufwändiger.

Arkanoid : Retro Tendenzen in der Spielhalle.

Bereits damals war die Entwicklung von Videospielen samt ihren verschiedenen Genres allerdings und logischerweise keine stetig voranschreitende Innovationsgeschichte und Neuerscheinungen setzten sich oftmals aus Variationen von altbekanntem zusammen.
Bereits Mitte der 80er Jahre war jedes Spiele Genre (Sport-, Rollen-, Ballerspiel etc) in seiner Entwicklung in Anbetracht der vorherrschenden technischen Restriktionen nämlich funktional weitgehend ausdifferenziert und abgeschlossen.
In einer derartigen Situation besinnt man sich gerne auf die oftmals als glorreich idealisierte Vergangenheit.
So damals auch die Firma Taito, welche sich an den bereits 10 Jahre zurückliegenden Erfolg des Atari Breakout Automaten erinnerte. Und 1986 tatsächlich den Mut besaß, mit Arkanoid eine aufgemotzte Breakout Variante in die Spielhallen zu bringen !
Mut ist in diesem Zusammenhang durchaus der passende Begriff, den anders als in unseren Tagen, wo Retro bei Videospielen seit Jahren schon zum hipen Hipster Lebensstil gehört und eigentlich längst im Pop kulturellen Mainstream angelangt ist, kam das bewusste Ausschlachten der Vergangenheit damals zumeist einem Offenbarungseid nahe. Die 80er Jahre waren in ihrer Entwicklungslogik primär auf Fortschritt und Neu(!)entwicklungen gebürstet - neue Spielideen braucht das Land. In der damaligen Fachpresse wurde dem Arkanoid Automaten folglich keine große Zukunft prognostiziert.

Wie man sich irren kann – Arkanoid entwickelte sich trotz oder gerade wegen seiner Besinnung auf die Vergangenheit im Jahr 1986 zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Automaten.
Wenn man so möchte, hat Taito damals das Genre des Retro Spiels in das Leben gerufen. Das Vorgehen ist hierbei seit 30 Jahren ähnlich geblieben : man erinnert sich ein in der Vergangenheit erfolgreiches Spielprinzip und modifiziert es zeitgemäß.
Das grundsätzliche Breakout Spielprinzip blieb bei Arkanoid zwar weitgehend erhalten. Auch hier gilt es , mittels eines vorzüglich zu steuernden Paddels einen umher springenden Ball dazu zu bringen, farbige Steine aus einem Block zu schlagen. Allerdings in einer grafisch und spielerisch doch beachtlich aufgemotzten Art und Weise ! Die insgesamt 33 Spielabschnitte strotzen gerade zu vor Extras und grafisch liebevoller Präsentation. Mit einem 3D Schatten ausgestattet, wirken die Spielsteine fast, als ob sie über dem Bildschirm schweben würden. Die Hintergründe der Spielabschnitte sind mit farbigen und teilweise animierten Mustern versehen. Schläger und Ball sind bei Arkanoid klar und recht detailiert als solche erkennbar. Grafisch wahrlich kein Vergleich mit dem Atari Breakout von 1976 ! Und auch spielerisch hat sich einiges getan – zahlreiche Extras (7 an der Zahl) versüßen dem geneigten Spieler das Steine zerklopfen. Diese verbergen sich in Form von Buchstaben hinter den zu zerstörenden Spielsteinen und bringen durchaus etwas Taktik und Adrenalin in das Spielgeschehen. Nicht alle Extras bringen nämlich tatsächliche Verbesserungen mit sich; ein D spaltet beispielsweise den Ball in drei kleinere auf, welche sich mit irrwitziger Geschwindigkeit und nur schwer steuerbar über das Spielfeld bewegen.
Natürlich bietet der Arkanoid Automat auch einen 2 Spieler Modus; gespielt wird hier in abwechselnden Runden.

Arkanoid : auf dem C64.


Der wirtschaftliche Erfolg des Automaten schrie damals natürlich förmlich nach einer Umsetzung für die damals verbreiteten Heimcomputer Systeme. Diese ließ nicht lange auf sich warten und erfolgte im Fall des C64 1987 durch das Label Imagine.
Da ich das Spiel damals aus diversen Taschengeld verzehrenden Spielhallen Aufenthalten bereits kannte und trotz anfänglicher Skepsis – Asbach uralt - durchaus lieben gelernt – dieses Mal schaffe ich das Level - hatte, war ich natürlich gespannt, wie gekonnt der Automat den auf meinen Brotkasten umgesetzt wurde.
Aufgrund anderer Priorität Setzung meines Taschengeldes – ich sparte damals auf einen Amiga Computer – griff ich zum Testen des Spieles allerdings zu einer auf dem Schulhof umher gehenden Raubkopie. Zumindest aus damaliger Perspektive erschienen mir die 39,90 DM, welche das original Arkanoid Spiel auf Kassette – ja, Kassetten fungierten damals tatsächlich als Datenträger - kosten sollte, sowieso als deutlich zu teuer.

Arkanoid : auf dem C64 – Steuerung.

Obwohl damals Mäuse als Steuerungsinstrument für den Brotkasten bereits erhältlich waren, verfügte ich damals lediglich über einen Joystick – Competition Pro ; wer hätte anderes erwartet - zum Spiele steuern.
Ein kleines, aber nicht unwichtiges Detail. Obwohl bereits fast 30 Jahre her, erinnere ich mich noch recht genau daran, das die Arkanoid Umsetzung von Imagine mittels eines herkömmlichen Freudenknüppels gerade in den höheren Spielabschnitten nur sehr schwer und reichlich unpräzise steuerbar ist. Gerade in Situationen, wenn der Ball bereits recht schnell geworden ist, reagierte der Schläger fast immer den berühmten Tick zu spät. Mitunter fast unspielbar ! Sehr frustrierend, wenn man die sehr präzise Rotations Steuerung des Automaten als Vergleich nimmt.
Eine Steuerung per Tastatur ist bei Arkanoid auf dem C64 zwar gleichfalls möglich. Diese brachte aber ein ähnlich unbefriedigendes Steuerungserlebnis – viel zu langsam - als mit dem Joystick.
Ich wollte 1987 Arkanoid bereits in meiner Disketten Box verstauben lassen, als ich bei einem wohlhabenden Bonzen Freund aus gutem Haus und entsprechend ausgestattetem Hardware Park das Vergnügen hatte, den Breakout Clone per Paddle (wer sich über dieses Eingabegerät informieren möchte, bitte : https://www.c64-wiki.de/index.php/Paddles) zu zocken. Wunderbar präzise, schnell und zeitnah ! Wahrlich kein Vergleich zu Joystick oder Tastatur ! Fast wie in der Spielhalle !

Arkanoid : auf dem C64 – Grafik.

Grafisch konnte das Spiel 1987 auf dem C64 durchaus überzeugen. Grafisch waren im Vergleich zum Automaten, welcher aus einer Farbpalette von 512 Tönen schöpfen konnte, zwar minimale Abstriche zu machen. Dennoch wurden alle Spielabschnitte, Animationen und Gegner weitgehend original getreu umgesetzt. Zur damaligen Zeit spielte ich des öfteren beide Versionen (Automat, C64) – allzu große Unterschiede in der grafischen Präsentation konnte ich keine feststellen. Aus heutiger Sicht wirkt die Grafik sicherlich reichlich antiquiert und „retro“ - vor 30 Jahren war sie allerdings durchaus auf der Höhe des Möglichen und der Zeit.


Arkanoid : auf dem C64 – Musik.

Wirklich knorke waren und sind allerdings die Titelmusik und Soundeffekte des Spieles. Was hier der Soundmagier Martin Galway aus dem Sound Chip des Brotkasten herausgeholt hat, ist auch 2016 noch absolut hörenswert ! Hall und Echoeffekte treffen hier auf ein elektronisches Schlagzeug, welches sich mit der Präzision einer Schlagbohrmaschine in die Windungen des Gehirns bohrt. Unglaublich aufpeitschend und motivierend – wer möchte, kann sich diese unter https://www.youtube.com/watch?v=1stW0J7Myew jederzeit durch die Ohren blasen lassen.

Arkanoid : auf dem C64 – Extras.

Die Extras der C64 Umsetzung gleichen 1 zu 1 dem Automaten (S verlangsamt den Ball, P gibt ein Extraleben, B eine Backdoor zum nächsten Level usw). Diese sind hier wie dort durchaus Motivation steigernd in das Spielgeschehen integriert und bei dem teilweise harschen Schwierigkeitsgrad des Breakout Clones vielfach auch bitter notwendig. Arkanoid auf dem C64 ist sehr schnell , durchaus motivierend und zumindest für Gelegenheitsspieler wahrlich nicht einfach.

C64 Arkanoid : anschauen und selbst zocken.

Wer die C64 Umsetzung von Arkanoid einmal im Einsatz sehen möchte, sei auf einen der zahlreichen Longplays bei youtube und Konsorten verwiesen (beispielsweise : https://www.youtube.com/watch?v=HA_Ib8szUDM).
Wer noch einen C64 besitzt und Arkanoid selbst zocken möchte, kann das Spiel auf der Bucht recht regelmäßig als Original in der Preiskategorie +/- 15 Euro erstehen (Quelle : C64 Price Guide unter retrodant.blogspot.de). Dies ist allerdings nur zu empfehlen, wenn man als Steuerungsinstrument Paddles oder eine Maus besitzt.
Natürlich ließe sich das Spiel mittels eines C64 Emulators (beispielsweise Emu64, welcher unter http://www.pcfreunde.de/download/d17054/emu64/ kostenlos heruntergeladen werden kann) auch direkt am heimischen PC zocken. Von einem derartigen Unterfangen würde ich allerdings aus Steuerungsgründen eher Abstand nehmen. Nur mit der PC Tastatur ist Arkanoid zumindest in den höheren Spielabschnitten im Grunde unspielbar !

C64 Arkanoid : zusammenfassende Würdigung.

Arkanoid auf dem C64 ist eigentlich eine nahezu optimale Umsetzung des gleichnamigen Spielautomaten. Eigentlich, den dies trifft nur bei dem Einsatz einer Maus oder von Paddles zu. Mit Joystick oder Tastatur ist das Spiel leider nur sehr schwammig und unpräzise zu steuern.
Die eingängig aufpeitschende Titelmusik von Galway ist auch nach 30 Jahren eine Hausnummer und absolut hörenswert.
Das eigentliche Spielprinzip – Breakout – ist inzwischen natürlich bereits tausendfach rezipiert und findet sich 2016 mannigfach und mehr als ausreichend auf jeder kostenlosen Flash Spiele Seite. So gesehen gibt es zumindest für Otto Normal Spieler natürlich nur wenige Gründe, genau dieses eigentlich sehr spielbare Breakout Spiel auf Biegen und Brechen zu zocken.
Jedem Retro Videospiel Fanatisten sei allerdings durchaus ein Blick auf dieses Stück Software Geschichte empfohlen. Mit Arkanoid wurde das Medium nämlich zum ersten Mal tatsächlich Retro und zitierte und rezipierte ein Stück seiner eigenen Vergangenheit. Und dies bereits im Jahr 1986 – weit vor Retro Videospiel Börsen und Retro Mainstream im Hipster Gewand..
4 von 5 Punkte hat Arkanoid daher allemal verdient....

Samstag, 18. Juli 2015

C64 All Stars Vol.11 : Ein Zeitungsjunge namens Paperboy.

Paperboy : Das Automaten Vorbild.



Ein Blick zurück in die eigene Kindheit führt mit voranschreitendem Lebensalter fast immer zu beachtlichen Idealisierungen. Das damals besuchte und/oder konsumierte erscheint in der Erinnerung zumeist um Längen größer, bunter und bahnbrechender , als es damals tatsächlich gewesen war. Dies gilt besonders für die von vielen meiner Generation verklärten Spielhallen der 80er Jahre.
Anders als heute standen damals in derartigen Etablissements eindeutig Geschicklichkeit Spiele wie Pac Man oder Outrun im Fokus des Interesses. Reine Glücksspielgeräte waren – sofern überhaupt vorhanden - zumeist in einem separat zugänglichen Raum untergebracht. Geschickter Schachzug der damaligen Betreiber, da mit einem derartigen Raumgestaltung auch minderjährigen Besuchern der Zugang zu den heiligen Hallen der Schultage füllenden Joystick Rüttelei offenstand.
Als ich Mitte der 80er Jahre als 11 jähriger zum ersten Mal – angefixt von zwei älteren Kollegen - eine derartige Spielhalle besuchte, wähnte ich mich mit einem Bein im Paradies. Ein riesiger abgedunkelter Raum voller grell blinkender Videospielgeräte. Einige sogar mit pädagogisch mehr oder weniger sinnvollen Zusatz Features wie anmontierten Gewehren oder Motorrad Sitzen mit eingebauter Hydraulik. Zumeist umlagert von Mofa fahrenden Jünglingen mit Heavy Metal Emblem Jeans Jacke und dezentem Schnauzbart Ansatz. Welch aufregend neue Welt für einen 12.jährigen ! Besonders von einem DM Grab mit einem leibhaftigen Fahrradlenker als Steuerungselement fühlte ich mich damals wochenlang – Taschengeld ade - wie magisch angezogen.

Hierbei handelt es sich um den Paperboy Automaten von Atari, welcher 1984 das zumeist abgedunkelte Licht der Spielhallen erblickte. Der Spieler übernimmt hier die Rolle eines Zeitungsjungen, welcher in einer typisch amerikanischen Vorstadt mit seinem Drahtesel – wir befinden uns in den 80er Jahren ; natürlich stilecht ein BMX Rad - die morgendliche Tageszeitung auszuliefern hat. Zeit ist Geld und nur ein schneller Zeitungsjunge ist ein guter Zeitungsjunge – selbstmurmelnd steigt der Paperboy bei seinem morgendlichen Auslieferung Runde nicht vom Radel ab. Bei voller Fahrt wirft er den Abonnenten die Tageszeitung in den Vorgarten oder Briefkasten. Hierbei gilt es natürlich zu Vermeiden, Sachschäden aller Art zu verursachen. Ganz fatal ist es beispielsweise, aus Versehen die Scheibe eines Kunden einzuwerfen. Sofortiges de abonnieren ist die zwangsläufige Folge. 7 Tage hat die Woche und genau so viele Level – welche selbstmurmelnd immer schwieriger werden - der Paperboy Automat. Irgendwie logisch, den eine Tageszeitung erscheint schließlich täglich. Am Ende jedes Spielabschnittes (Wochentages) gilt es beim Automaten einen Bonus Parkour in Form einer hügeligen Landschaft. Diesen gilt es, so schnell als möglich und natürlich ohne Sturz zu bewältigen.
Das Spielprinzip – möglichst allen Kunden in möglichst kurzer Zeit verlustfrei die morgendliche Lektüre zuzustellen - war natürlich bereits 1984 nur bedingt innovativ.

Paperboy : Faszination eines Spielautomaten.

Seinen Erfolg verdankte er zu einen vor allem seinem für damalige Verhältnisse neuartigen Steuerungsinstrument. BMX war 1984 bei jedem Jugendlichen in aller Munde und einen Spielautomaten mit einem BMX Lenker als Steuerungselement hatte die Welt bis dato noch nicht gesehen. Jeder wollte Ataris Dukaten Esel – in fast jeder Spielhalle stand zumindest ein Exemplar des Automaten – zumindest einmal gespielt haben.
Zum anderen ging Paperboy in seiner grafischen Darstellung neue Wege. Zum ersten Mal wurde das Spielgeschehen in einer isometrischen Perspektive dargestellt. Die Spielfigur bewegt sich hierbei diagonal durch die sehr sauber scrollenden Level. Durchaus visuelles Neuland Mitte der 80er Jahre; bis zu diesem Zeitpunkt ging der Weg eines Videospielhelden zumeist entweder von links nach rechts oder von unten nach oben.
Nicht zuletzt konnte der Paperboy Automat durch seine mitunter recht humorige grafische Darstellung punkten. Die verschiedenen Spielabschnitte sind nämlich von einer Vielzahl an mehr oder weniger liebenswerten Zeitgenossen bevölkert, welche unserem Zeitungsjungen als menschliche Hindernisse seine morgendliche Arbeit nicht gerade erleichtern. Von Rockern über Limousine fahrenden Snobs bis zu Gevatter Tod, welcher hier früh morgens wahrscheinlich nicht ganz erfolglos seine Runden dreht, wurde in dieser Vorstadt bis auf vielleicht einen Amokschützen fast nichts ausgespart, was die amerikanische Realität so her gab und gibt. Sehenswerte Details an vielen Stellen- so finden sich in einigen Vorgärten beispielsweise tatsächlich Grabsteine.
Für damalige Verhältnisse waren die Figuren durchaus grafisch ansprechend, detailiert und flüssig animiert dargestellt.

Paperboy : Die C64 Umsetzung.

Die 80er Jahre waren der Beginn des Homecomputer Zeitalters. Zumindest fast jeder männliche Jugendliche – zu diesen Zeiten waren Computer eine fast ausschließliche Männer Domäne - hatte damals in seinem Zimmer folglich einen oder mehrere 8 – Bit Rechner stehen. Zumindest in unseren Breiten in vielen Fällen einen C64 von Commodore. Als 1986 mein in der Spielhalle geliebtes Paperboy endlich für den Kinderzimmer thronenden und gerade einmal 64 KB Hauptspeicher besitzenden Brotkasten – die älteren Leser werden sich eventuell erinnern : der C64 sieht einem Brotkasten nicht unähnlich – erschien, machte ich mich mit meinen sauer ersparten 29,80 DM sofort auf den Weg in die nächste Computer Abteilung und erstand meinen geglaubten Spielautomaten für Zuhause in der Tape (Kassetten waren damals gebräuchliche Speichermedien für Computer Programme) Version.

Und wurde nicht zum letzten Mal in meinem Leben bitterlich enttäuscht ! Die von der damals recht populären Software Schmiede Elite Systems durchgeführte Konvertierung des Erfolg Automaten auf den C64 entpuppte sich nämlich als recht liebloser Versuch, mit dem Zeitungsjungen auch zuhause in den Kinderzimmern der Saumagen regierten BRD schnelle Kasse zu machen.
Das grundsätzliche Spielprinzip – an jedem Wochentag mittels BMX Rad die Tageszeitung möglichst schnell und verlustfrei auszuliefern – blieb natürlich selbstmurmelnd auch auf dem C64 erhalten.

Paperboy : Die C64 Umsetzung – Grafik.

Allerdings blieb die grafische Darstellung – sowohl aus dem Blickwinkel von damals wie aus dem von heute - klar hinter den durch entsprechende Werbemaßnahmen gehypten Erwartungen zurück. Das auf meinem C64, welcher ja bestenfalls zur Darstellung von 320 x 200 Bildpunkten bei maximal 16 Farben fähig ist, keine 1 zu 1 Umsetzung des Automaten (immerhin eine Auflösung von 412 x 384 Bildpunkten mit immerhin 256 Farben)) zu erwarten war, leuchtete mir durchaus auch als 12. Jähriger ein. Was ich dann allerdings zuhause auf meinem Commodore Monitor erblickte, ließ mich zumindest an einigen Stellen an eine beginnende Seeschwäche glauben. Während die Hintergrundgrafiken zumindest noch eine Ähnlichkeit mit dem Automaten Vorbild erkennen ließen, braucht es bei verschiedenen Spielfiguren recht viel Fantasie , um diese überhaupt noch als Figur erkennen zu können.
Ein großer Reiz des Arcade Vorbildes besteht schließlich gerade in den teilweise sehr fantasievoll und detailliert gestalteten Passanten (Gevatter Tod und Kollegen), welche einem bei der morgendlichen Zeitung Runde vor das Radel laufen ! Hiervon war bei der Umsetzung auf den 8 Bit Rechner von Commodore nicht mehr viel übrig geblieben ! Dieser grafische Dilettantismus fängt bereits bei der eigentlichen Spielfigur an. Das der Paperboy ein schmuckes BMX Rad fährt , lässt sich nur mit sehr viel Fantasie erkennen. Die Darstellung der meisten Passanten ist im harmlosesten Fall lieblos (Talent frei trifft den Sachverhalt wohl besser) und lässt nur mit Mühe Ähnlichkeiten zum Automaten erkennen. Das der C64 durchaus in der Lage ist, detaillierte und farblich ansprechende Spielfiguren darzustellen, zeigten Klassiker wie Turrican , Giana Sisters oder auch International Karate zur Genüge. Es liegt die Vermutung nahe, das Elite Systems damals mit Paperboy einen Schnellschuß getätigt hat, um finanziell von der Popularität des Automaten zu profitieren. Die gierige Jugend kauft das Teil ja eh – warum also in die grafische Entwicklung viel Mühe investieren.

Paperboy : Die C64 Umsetzung – Steuerung.

Ein Spiel wie Paperboy lebt natürlich vor allem auch von der Präzision seiner Steuerung. Auf dem Automaten ist diese mittels des eingebauten BMX Lenkers hervorragend und zumindest damals – sehr innovativ gelungen. Der C64 verfügte von Hause aus natürlich über keine derartigen Steuerungsinstrumente. Hier wird das Spiel mittels eines an an Port 2 angeschlossenen Joysticks delegiert. Ich persönlich verwendete hier bevorzugt einen Competition Pro – der große rote Knüppel mit dem riesigen Feuerknopf - , da dieser hervorragend in der Hand liegt und eine punktgenaue Steuerung zulässt.
Die Kollisionsabfrage ist bei dem Spiel zwar durchaus recht präzise – Zusammenstöße mit den vielen undefinierbaren Passanten werden also zeitnah und recht Pixel genau erkannt. Allerdings erweist sich die isometrische Darstellungsweise des Spieles als nicht unbedingt optimal – zumindest mit einem herkömmlichen Freudenknüppel ist es nämlich recht gewöhnungsbedürftig, den Zeitungsjungen durch die übergewichtige Vorstadt zu bugsieren. Auch bewegen sich die Passanten Formationen zum Teil mit einem unrealistischen Affenzahn durch die Level, welcher eine sinnvolle Steuerung zumindest recht schwierig macht. Nicht selten auch, das ein Passant quasi aus dem Nichts urplötzlich vor dem Radel auftaucht. Um hier angemessen reagieren zu können, hilft es nur, die in jedem Level und bei jedem Spieldurchgang immer gleichen Angriffsformationen stupide auswendig zu lernen. Zumindest bezüglich Gedächtnistraining taugt die Paperboy Umsetzung auf dem C64 also durchaus.
Alles in allem zieht sich die bereits konstatierte lieblose Durchschnittlichkeit auch bei der Steuerung nahtlos fort. Zusammenstöße werden zwar durchaus präzise erkannt; die Gegner Formationen bewegen sich aber vielfach deutlich zu schnell und tauchen ab und an quasi aus dem Nichts auf. Ohne vorheriges Auswendiglernen der Passanten (Gegner) Bewegungen ist das Spiel an einigen Stellen fast unspielbar !

Paperboy : Die C64 Umsetzung – Musik und Geräusche.

Musik und Geräusche sind bei dem Spiel hingegen recht gelungen und abwechslungsreich. Diese stammen von dem C64 Sound Magier Mark Cooksey, welcher sich für die musikalische Untermalung von vielen Brotkasten Klassikern wie Bom Jack, Airwolf oder auch Space Harrier verantwortlich zeigte. Die Titelmusik klingt zwar beim ersten Hören vielleicht a biserl schräg; bleibt aber aber dennoch auch nach fast 30 Jahren sofort im Ohr des Hörers hängen. Ein akustisches Wiedererkennungszeichen erster Güte. Dies gilt auch für die eigentliche In – Game Musik. Irgendwie lässig und einprägend klingend, passt sie perfekt zu dem damals wichtigsten Fortbewegungsmittel eines jeden Heranwachsenden; dem BMX Rad.
Geräusche sind in dem Spiel natürlich auch zu hören und recht stimmig de jeweiligen Spielsituation angepasst. Bezüglich der akustischen Seite gibt es bei der C64 Umsetzung von Paperboy also wahrlich nichts zu granteln. Wer sich hiervon gerne einmal mit den eigenen Ohren überzeugen möchte, kann dies unter https://www.youtube.com/watch?v=qSWmzA9ztTc gerne tun.

Paperboy : Die C64 Umsetzung – selbst zocken.

Um die C64 Version von Paperboy selbst einmal zocken zu können, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Sofern man noch einen C64 besitzt, kann man zum einen natürlich versuchen, das Original Spiel antiquarisch auf der Bucht, Flohmarkt oder der Retro Börse seines Vertrauens zu erstehen. Ein nicht ganz günstiger Spaß, den trotz seiner etwas lieblosen Umsetzung ist der C64 Zeitungsjunge zu einem gesuchteren Sammlerartikel geworden. Preise zwischen 60 Euro – 90 Euro sind für ein Original Spiel eher Regel als Ausnahme.
Es geht allerdings auch kostenlos. Nämlich mit einem kostenlosen Programm, welches auf dem heimischen PC einen C64 emuliert. Beispielsweise Emu64, welcher unter http://www.pcfreunde.de/download/d17054/emu64/ kostenlos heruntergeladen werden kann. Den eigentlichen Paperboy findet man selbstmurmelnd gleichfalls kostenlos unter http://www.gamebase64.com/game.php?id=5549 zum herunterladen. Um das Spiel dann allerdings sinnvoll auf dem PC zocken zu können, ist die Anschaffung eines Joystick – für ein paar wenige Euro ist ein C64 Competition Pro in einer USB Variante erhältlich - lebensnotwendig sinnvoll. Nur mit der Tastatur ist ein Spiel wie Paperboy (vgl. Steuerung) unspielbar.
Wer nicht selbst zocken und nur konsumieren möchte, sei auf einen der zahllosen Lets Play Videomitschnitte auf youtube oder anderen Videoplattformen verwiesen. Als ein Beispiel unter vielen sei hier auf https://www.youtube.com/watch?v=cA2M7gOqzz0 verwiesen.

Paperboy : Die C64 Umsetzung – zusammenfassende Kritik.

Wenn man einmal die idealisierende Retro Brille abnimmt, dürfte sich rasch der Gedanken aufdrängen, das sich bereits der 1984 erschienene Spielautomat nicht gerade durch ein besonders innovatives Spielprinzip auszeichnete. Seinen Erfolg hatte er wohl vor allem seinem Steuerungsinstrument – einem original getreuen BMX Rad Lenker – zu verdanken, welcher zumindest damals mitten in das Herz des jugendlichen Zeitgeistes lenkte.
Mit derartigem konnte der C64 natürlich nicht aufwarten. Zumindest bis zum Jahr 2003, als einige ambitionierte Bastler (inzwischen nennt man derartige Personen wohl Nerds) im Rahmen der Hobby Tronic Messe eine aus einem 80er Jahre Heimtrainer bestehende Fahrrad Steuerung für das C64 Spiel Paperboy vorstellten. Wer sich tiefer gehender für dieses Projekt interessieren sollte, sei auf http://www.dienstagstreff.de/geschichten/c64aktionen/paperboyrad/index.php verwiesen. Ein schönes Beispiel dafür, wie die Generation C64 kreativ mit gegebenen technischen Restriktionen umzugehen weiß.

Paperboy auf dem C64 zeigt, das nicht jedes Spiel, welches in der momentan zu beobachtenden Retro Welle zum unsterblichen Klassiker hochstilisiert wurde und wird, diese Auszeichnung aufgrund seiner innewohnenden Qualitäten auch verdient. Während der Automat aufgrund seiner Steuerung – BMX Lenker – und seiner liebevoll gezeichneten Gegner Formationen auch heute durchaus noch sehr kurzweilig zu spielen ist, erschien die C64 Umsetzung bereits 1986 als bestenfalls durchschnittlich. Eher unansehlich gestaltete Spielfiguren bewegen sich hier mit einem Affenzahn über den Bildschirm, welcher eine vernünftige Steuerung an einigen Stellen fast unmöglich macht. Lediglich die musikalische Untermalung ist durchaus auch heute noch hörenswert.
Seinen Klassiker Status verdankt die C64 Version von Paperboy weniger seinen spielerischen Qualitäten als vielmehr der Tatsache, das viele Retro Freunde durch alte Computer Spielen auf der Suche nach ihrer verlorenen Zeit sind. Der verlorenen Zeit ihrer eigenen unbeschwert geglaubten Jugend. Retro als Form der Heimatsuche in einer immer schneller strudelnden Moderne. Und für viele Angehörige der Generation +/- 40 war Paperboy in der Automaten- oder C64 Version tatsächlich einer der ersten Kontakte mit dem Medium Videospiel. Aus dieser Perspektive 5 von 5 Punkte für ein im Grunde höchst durchschnittliches Videospiel...